Zero Waste Expertin Fiona im Interview

Vor über zwei Jahren habe ich die Seite Mein Horizont online gestellt. Damals wollte ich nur zum Spaß ein paar Quizzes über Wildkräuter online stellen, um meine damaligen, sehr konträren Hobbys „Webdesign/Programmieren“ und „Wildkräuter“ zu verbinden. Die Zusammenarbeit mit Fiona an dieser Seite kam eher durch Zufall zustande. Fiona befasste sich damals schon sehr intensiv mit den Thema Nachhaltigkeit und Zero Waste, hatte aber noch keinen eigenen Blog. Also arbeiteten wir fortan gemeinsam an dieser Seite. Mittlerweile hat sie hier schon über 30 Beiträge veröffentlicht und ist somit noch vor mir der fleißigste Mitarbeiter auf dieser Seite. Heute hatte ich endlich die Gelegenheit, sie über das Thema Zero Waste, zu interviewen. Viel Spaß beim Lesen!

 

Zero Waste Expertin Fiona im Interview 0

 

Fiona, das Wichtigste zuerst: Was ist eigentlich Zero Waste? Viele Leute haben diesen Begriff vielleicht noch nie gehört.

 

"Bei Zero Waste handelt es sich um eine ökologische Bewegung, die meines Wissens nach anfangs vor allem von Bea Johnson aus den USA bekannt gemacht wurde. Es geht darum, möglichst wenig Müll zu produzieren und möglichst wenig zu verschwenden. Geprägt wird die Ideologie auch von den 5 Schlagworten „Refuse - reduce – reuse – recycle – rot“. Das heißt man soll (in dieser Reihenfolge):

·         Dinge, die man nicht benötigt, von vornherein „verweigern“ (refuse), also sich diese gar nicht erst zulegen, um nicht unnötigerweise die Produktionsspirale anzukurbeln.

·         Alles, was man doch benötigt, möglichst auf das Wesentliche reduzieren (reduce), auch dies um nicht ohne Grund Ressourcen für die Produktion von Dingen zu verschwenden, die man eigentlich gar nicht braucht.

·         Das, was man verwendet, so gut als möglich wiederverwenden, so lange es geht (reuse), um Ressourcen zu sparen.

·         Was man wirklich nicht mehr verwenden kann, dem Recycling-System zuführen (recycle) oder aber – wo möglich – kompostieren (rot)

Oft habe ich das Gefühl, dass die Zero Waste Bewegung auf die Vermeidung von Verpackungsmüll – und hier vor allem von Plastik – reduziert wird. Ich finde allerdings, dass das zu engstirnig gedacht ist. Es geht um einen viel ganzheitlicheren Ansatz und Lebenstil, mit dem Ziel, das eigene Leben in allen Bereichen möglichst ressourcenschonend zu gestalten."

 

Kannst du dich erinnern, wann du den Begriff Zero Waste zum ersten Mal gehört hast? Was war deine Motivation, dich mit diesem Thema intensiver auseinanderzusetzen?

 

"Puh, das ist eine Frage, die mir sehr oft gestellt wird … und ich kann sie leider nicht so eindeutig beantworten, wie ich das gerne täte, da ich in diesen Lebensstil eher langsam „hineingerutscht“ bin … es gab da nicht nur diesen einen einzigen Moment der Erleuchtung ?!

Angefangen haben meine Bestrebungen, ein umweltschonenderes Leben zu führen, mit dem Einkauf von Bio-Lebensmitteln und Fair Trade Kleidung, gefolgt von Naturkosmetikprodukten. Irgendwann wurde ich dann eher durch Zufall auf die oben erwähnte Bea Johnson und die Zero Waste Bewegung aufmerksam und habe angefangen, mich immer mehr damit zu beschäftigen, bis ich mit der Zeit begonnen habe, mich bei jedem einzelnen Konsumprodukt in meinem Haushalt zu fragen, ob man dieses nicht irgendwie umweltschonender einkaufen oder selber herstellen könnte."

 

Was sind deine ersten 3 Tipps an jemanden, der seinen Müllkonsum zurückfahren will, aber nicht weiß, wie er anfangen soll?

 

"Ich denke, dass der meiste Verpackungsmüll beim Einkauf von Lebensmitteln anfällt, daher würde ich zuerst hier ansetzen, auch deshalb, weil die Müllreduktion in diesem Bereich etwas unkomplizierter ist als in anderen.

Eine der leichtesten Umstellungen ist beim Einkauf von Obst und Gemüse zu bewerkstelligen. Auf Bauernmärkten o.Ä. kann man dieses meiner Erfahrung nach ohnehin fast immer ohne Probleme lose kaufen und in eigene mitgebrachte und wiederverwendbare Taschen geben und auch in vielen Supermärkten sollte dies mittlerweile möglich sein. In den Unverpacktläden sowieso, allerdings oft zu teureren Preisen.

Dadurch reduziert man gleich einmal mit einem Schlag seinen Müll um ein Wesentliches, da all die Wegwerfplastiksackerl und die unnötigen Verpackungen für Obst und Gemüse wegfallen.

Viele weitere Lebensmittel, die in normalen Geschäften nicht lose erhältlich sind, kann man in den sogenannten Unverpacktläden erstehen. Hier kann man sich z.b. Hülsenfrüchte, Nüsse, Reis, Bohnen, Müsli, Salz, Zucker, Gewürze, Tee, etc. in selbst mitgebrachte Behältnisse abfüllen und so einerseits nur genau die Menge einkaufen, die man auch tatsächlich benötigt, und andererseits natürlich unnötigen Verpackungsmüll vermeiden.

Andere leicht umzusetzende Maßnahmen wären z.B. der Umstieg von Mineralwasser in Flaschen zu Leitungswasser (eventuell unter der Verwendung eines Soda Stream o.Ä., wenn man nicht auf die Kohlensäure verzichten will) oder aber der Umstieg von Duschgel auf unverpackte lose verkaufte Festseifen oder aber der Umstieg von Wattestäbchen zu Ohrenschlingen oder aber – für Frauen – der Umstieg von Tampons oder Slipeinlagen zu wiederverwendbaren Menstruationstassen."

 

Was waren die Anfangsfehler, die du beim Thema Zero Waste gemacht hast?

 

"Ich denke, einer der wichtigsten Lernprozesse war, zu erkennen, wie komplex die Thematik tatsächlich ist. Anfangs habe ich vielleicht noch eher dazu tendiert, eine Kaufentscheidung nicht unter allen notwendigen Gesichtspunkten zu durchleuchten, um festzustellen, welche Variante denn nun wirklich die umweltschonendste wäre. Z.B. habe ich mich eher davon blenden lassen, dass Glas als „ökologisch“ gilt und Plastik als furchtbar umweltschädlich. Dabei ist die Ökobilanz von Plastik in Wirklichkeit besser als die von Einwegglas, man muss also differenzieren – handelt es sich bei der Verpackung um Ein- oder Mehrwegglas? Oder ich habe z.b. Fair Trade Kleidung gekauft, bis mir bewusst wurde, dass Second Hand Kleidung eigentlich viel weniger Ressourcen beansprucht. Oder ich habe Kuhmilchjoghurt im Mehrwegglasgebinde gekauft und dabei übersehen, dass veganer Joghurt im Plastikbecher vielleicht eigentlich aufgrund der ressourcenschonenderen Produktion umweltfreundlicher gewesen wäre.

Ein weiterer kritischer Punkt war wohl, dass ich anfangs zu streng mit mir selber war und auch zu viele Änderungen auf einmal in meinem Leben implementieren wollte. Dadurch war das Risiko groß, sich irgendwann zu demotiviert und überfordert zu fühlen, um weiterzumachen. Wenn ich nicht so überzeugt und vielleicht sogar ein bisschen besessen vom Zero Waste Gedanken gewesen wäre, hätte ich vermutlich bald das Handtuch geworfen. Ich würde anderen Menschen also dazu raten, die Umstellung lieber etwas langsamer anzugehen, sich auch über kleine Erfolge zu freuen und sich selbst für gelegentliche „Sünden“ zu verzeihen. So bleibt die Motivation erhalten und man kann insgesamt viel mehr erreichen als wenn man demotiviert auf halber Strecke aufgibt."

 

Wenn ich an mich selbst denke, stelle ich mir vor, dass es gar nicht möglich ist, keinen Müll zu produzieren. Geht das wirklich? Vor allem bei Plastikmüll stelle ich mir das sehr schwer vor.

 

"Gar keinen Müll zu produzieren ist wohl tatsächlich sehr sehr schwierig bzw. vielleicht sogar unmöglich. Gewisser Verpackungsmüll lässt sich ja wirklich nur eher schwer vermeiden, man denke z.B. an Medikamente, Verhütungsmittel, …

Allerdings ist es mithilfe nur einiger weniger Veränderungen – siehe oben – ganz sicher möglich, das Müllaufkommen im eigenen Haushalt zumindest erheblich zu reduzieren. Und hier hilft wirklich jeder kleine Beitrag. Es bewirkt insgesamt viel mehr, wenn alle Österreicher ihren Hausmüll um die Hälfte reduzieren als wenn nur wenige Menschen ihren Müll fast zur Gänze aus der Welt schaffen."

 

Wie lange versuchst du schon, deinen Hausmüll zu reduzieren? Wie viele Säcke Müll sind bei dir früher angefallen und wie viele sind es jetzt?

 

"Ich habe vor mittlerweile fast drei Jahren damit begonnen, meinen Lebensstil auf Zero Waste umzustellen. Vor der Umstellung musste ich den Restmüll sicher mindestens einmal die Woche hinuntertragen, danach nur mehr ungefähr alle 6 bis 8 Wochen.

Mittlerweile fällt bei mir aufgrund meiner Einkäufe im Sozialmarkt wieder mehr Restmüll an, aber ich denke, die Ökobilanz ist trotzdem besser, da es sich hier um gerettete Lebensmittel handelt, die andernfalls einfach entsorgt werden würden. Durch meinen Einkauf sind sie nicht umsonst produziert worden, aber ich kreiiere dadurch trotzdem keine zusätzliche Nachfrage, die die Lebensmittelproduktion mitsamt Verpackungsmüll unnötig befeuern würde."

 

Stichwort Müllsäcke: Benutzt du kompostierbare Müllsäcke oder anderes wiederverwertbares Verpackungsmaterial? Kenn mich diesbezüglich noch gar nicht aus. Was gibt es da alles und was macht Sinn?

 

"Ich persönlich verwende soweit es geht gar keine Müllsäcke. Meinen Papiermüll gebe ich z.B. in eine Tasche aus Papier, die ich wenn nötig in die Sammeltonne entleere und danach weiter als Müllbehälter verwende. Für den Restmüll verwende ich einen Plastikkübel, den ich im Bedarfsfall nach dem Entleeren auswaschen kann und den ich natürlich auch immer wieder verwende.  Dasselbe gilt für meinen Biomüll, nur hat der Kübel in diesem Fall aufgrund der potenziellen Geruchsbelästigung auch einen Deckel und steht bei mir draußen auf dem Balkon. Den restlichen Müll sammle ich in einer stabilen Plastiktasche der MA48, mit der ich dann zur Sammelstelle für Glas und Metall gehe, den Müll in die entsprechenden Behälter gebe und die Tasche dann wieder mit nach Hause nehme, um sie wiederzuverwenden. In den Mistkübeln im Bad und auf der Toilette verwende ich Plastiksackerl, die ich noch aus meinen Prä-Zero-Waste-Zeiten daheim hatte und die ich auch solange es eben geht entleere und wiederverwende. Wenn man ein Plastiksackerl sehr oft wiederverwendet, hat es gar keine so furchtbar schreckliche Ökobilanz wie viele glauben mögen.

Kompostierbare Müllsäcke sind natürlich auch eine Option, allerdings haben auch diese ihre Problematiken und werden in der Realität laut meinem Wissensstand und Auskünften der MA48 in Wien oft genauso verbrannt wie normales Plastik, und nicht kompostiert. Außerdem sind Müllsäcke, die gar nicht erst produziert werden mussten – ob nun aus normalem oder kompostierbarem Plastik - noch immer die umweltschonendesten Müllsäcke."

 

Wie hat sich deine Ernährung verändert, seitdem du dich mit Zero Waste beschäftigst? Gibt es bestimmte Dinge, die du dauerhaft aus deinem Speiseplan verbannen musstest?

 

"Ich würde sagen, meine Ernährung hat sich definitiv verbessert, seit ich versuche, mein Leben möglichst nach den Prinzipien von Zero Waste zu gestalten. Das liegt hauptsächlich daran, dass der Einkauf von Fast Food, regulären Snacks oder Tiefkühlessen ja mit Verpackungsmüll verbunden wäre. Das Gleiche würde z.B. für schon vorgekochte Bohnen aus der Dose gelten. Daher nehme ich mittlerweile fast nur noch frisch zubereitete Lebensmittel zu mir.

Ja, auf gewisse Dinge musste ich schon verzichten, um keinen unnötigen Müll zu verursachen … z.B. Chips, Snips, Tiefkühlpizza, Cremespinat aus dem Tiefkühlfach … bis auf den Spinat geht mir aber nichts davon wirklich ab ?!"

 

Ist ein Zero Waste Lebensstil zeitaufwendig?

 

"Anfangs schon. Da muss man sehr viel recherchieren und sich mit dem Thema auseinandersetzen, um gangbare Alternativen zu seinen bisherigen Konsumangewohnheiten zu finden.

Danach – sobald man die erste organisatorische Umstellungsphase gemeistert und sozusagen seinen „Zero Waste Rhythmus“ gefunden hat, kommt es ein bisschen darauf an, wie viele seiner Produkte man selbermachen möchte. Wobei ich sagen muss, dass ich viele Dinge selber bei mir daheim herstelle und aber trotzdem finde, dass das Ganze nicht allzu zeitaufwändig ist, weil ich Vieles auf Vorrat produziere. Daher stelle ich mich z.B. einmal an einem Wochenende eine halbe Stunde zum Cremeanrühren in die Küche und habe dann aber eine Menge an Creme, die mir für ein halbes Jahr reicht. Dadurch muss ich auch weniger oft einkaufen gehen als andere Leute.

Momentan gehe ich ca. einmal die Woche frische Lebensmittel einkaufen, ca. einmal im Monat oder alle zwei Monate haltbare Lebensmittel (wie Hülsenfrüchte, Reis und Müsli) kaufen und ca. einmal alle sechs Monate meine Grundzutaten für die Herstellung von Kosmetik- und Reinigungsmittel (z.B. Waschsoda, Speisesoda, Zitronensäure, etc.).

Meine Blogartikel zum Thema Zero Waste sind übrigens aus der Idee entstanden, anderen Menschen den Einstieg in ein ressourcenschonenderes Leben einfacher zu machen – indem ich ihnen eben schon einen großen Teil der anfangs notwendigen Recherchearbeiten abnehme."

 

Was sind heutzutage die größten Herausforderungen in deinem Zero Waste Alltag? Gibt es ein paar Idealvorstellungen, die du noch nicht umsetzen kannst? Bist du in manchen Bereichen selbst noch planlos?

 

"Unterwegs ist es manchmal schwierig, die Idealvorstellungen in der Realität umzusetzen, vor allem, wenn man in der Eile vielleicht vergisst, z.B. eine wiederbefüllbare Flasche für Wasser einzupacken.

Ansonsten … was die Grundhygiene betrifft, so habe ich mich im Hinblick auf die Toilette entschlossen, hier einen Kompromiss einzugehen. Ich hatte eine zeitlang fast gänzlich auf Klopapier verzichtet und dieses durch Wasser und waschbare Tücher ersetzt, allerdings fand ich das auf Dauer dann doch nicht so ganz befriedigend. Daher kaufe ich nun möglichst ressourcenschonend hergestelltes Toilettenpapier, das mit dem Umweltzeichen zertifiziert wurde.

Auch beim Thema Unterwäsche mache ich Abstriche im Hinblick auf Zero Waste … während ich den Rest meiner Kleidung mittlerweile praktisch zur Gänze gebraucht besorge – bis auf ganz wenige Ausnahmen, wenn ich ein Kleidungsstück zum Beispiel für die Arbeit benötige und Second Hand nicht finden kann – kaufe ich Unterwäsche neu ein. Auch hier achte ich allerdings darauf, dass diese möglichst nachhaltig und regional produziert wurde.

Aber im Großen und Ganzen muss ich sagen, dass sich mit ein bisschen gutem Willen und Flexibilität eigentlich so ziemlich alle Herausforderungen meistern lassen, vor allem solange man keine Kinder hat und sich z.B. um verschmutzte Windeln keine Gedanken machen muss … da stelle ich mir eine perfekte Umsetzung des Zero Waste Gedanken dann doch sehr herausfordernd vor, besonders wenn man nebenbei noch berufstätig ist und wenig Zeit für zusätzliche Wäscheaktionen hat."

 

Hast du schon Familienmitglieder oder Freunde mit dem Thema Zero Waste anstecken können? Falls ja, was davon setzen diese schon um?

 

"Ja, eigentlich hat das auch ohne großartigen missionarischen Eifer ganz gut geklappt, weil die Leute einfach neugierig waren und von sich aus angefangen haben, mir Fragen zum Thema zu stellen.

Es hat zwar niemand komplett auf Zero Waste umgestellt, aber einige Menschen in meinem Familien-, Bekannten- und Freundeskreis haben zumindest kleinere Schritte in Richtung eines umweltfreundlicheren Lebens gesetzt. Zum Beispiel der Verzicht auf Wegwerfplastiksackerl beim Einkauf von Obst und Gemüse, der Griff zu Bio-Lebensmitteln, Einkaufen in Unverpacktläden, der Kauf von nachhaltiger Kleidung, die Umstellung von Duschgel und Shampoo zu Festseifen, …

Mein Bruder hat sogar damit angefangen, sich viele Kosmetik- und Hygieneprodukte nach meinen Rezepten selber herzustellen, weil er mit deren Wirkung so zufrieden war. Auch meine Mutter findet mittlerweile großen Gefallen an meiner Anti-Aging-Creme. Auch wenn sie sich diese nicht selber anrührt, sondern lieber fix und fertig von ihrer Tochter liefern lässt ?!"

 

Wie hältst du es mit Zero Waste, wenn du unterwegs bist? Nimmst du dir immer dein eigenes Essen mit, oder kaufst du ab und zu verpackte Snacks ein?

 

"Wenn ich länger außer Haus bin, nehme ich möglichst immer eine wiederbefüllbare Flasche mit Wasser mit, um keine Plastikflaschen kaufen zu müssen. Essen gehe ich dann in Restaurants ohne Wegwerfgeschirr, die oft „obligatorische“ Serviette stecke ich immer ein und verwende sie später als Taschentuch. Solange das Verbot noch nicht in Kraft ist, versuche ich auch, mir anzugewöhnen, aktiv bei der Bestellung von Getränken dazuzusagen, dass ich keinen Strohhalm will.

Falls ich doch mal einen schnellen Snack, z.B. Falafelsandwich oder Ähnliches, kaufe, sage ich mittlerweile möglichst dazu, dass ich es gleich esse, dann fällt zumindest der größte Teil an Verpackung weg und beschränkt sich meist nur auf eine Serviette zum Halten.

Wenn ich nicht in der Stadt unterwegs bin, sondern z.B. Baden gehe, dann nehme ich mein Essen durchaus selber mit, in Tupperwarebehältern, die noch aus den Zeiten meiner Oma stammen, oder aber in anderen stabilen Behältnissen."

 

Ich war mal in so einem nachhaltigen Laden in Wien, wo man sich die Bohnen, den Reis und die Haferflocken, etc. selbst von solchen riesigen Glasbehältnissen runterlassen konnte. Nur kam mir das sehr teuer vor. Diese Geschäfte müssen sich das Zeug ja selbst in einer Verpackung liefern lassen. Wäre es nicht ähnlich umweltbewusst und sogar erheblich günstiger für mich, wenn ich die Waren selbst vom Großhändler beziehe?

 

"Ja, das wäre sicher günstiger für dich, weil sich die Unverpacktläden natürlich auch für ihren Service, die Miete für das Geschäft, etc. entlohnen lassen. Allerdings wäre es logistisch auch erheblich aufwändiger, da du dich dann selbst um die Bestellung, Anlieferung und auch Verteilung der Ware kümmern müsstest. Damit es wirklich nennenswert günstiger ist, müsstest du die Lebensmittel ja in Säcken von z.B. 25 kg einkaufen und dich dann so organisieren, dass dir die Ware, die du selbst nicht benötigst, rechtzeitig und von genügend Leuten abgenommen wird, damit nichts verdirbt bzw. dir zu viel Platz in der Wohnung wegnimmt. Ob man sich daher eher für die Unverpacktläden oder den Direkteinkauf entscheidet, wird daher am Ende des Tages vermutlich darauf ankommen, ob man eher mehr Geld oder mehr Zeit zur Verfügung hat.

Alternativ zum Unverpacktladen könnte man sich viele Lebensmittel auch noch über andere Schienen besorgen, z.B. über Organisationen wie Food Sharing oder Sozialmärkte. Beide haben unter anderem zum Ziel, der Lebensmittelverschwendung Einhalt zu gebieten, indem sie Essen, das andernfalls weggeschmissen werden würde, von Supermärkten oder anderen Geschäften übernehmen und dann an Menschen weitergeben, die mit diesen Lebensmitteln noch etwas anfangen können. Bei Food Sharing ist die Annahme von Ware komplett kostenlos, aber allerdings mit etwas mehr Aufwand und Einsatz verbunden. Bei den Sozialmärkten werden die Produkte gegen sehr geringe Kosten meist an sozial Bedürftige abgegeben, um Ladenmiete, Personalkosten, etc. abdecken zu können. Daher muss man bei den Sozialmärkten zuerst fragen, ob es ok ist, wenn man die Lebensmittel nicht aus finanzieller Not bei ihnen ersteht, sondern aus ökologischen Überlegungen, weil man eben etwas gegen Verschwendung tun will. Bei dem Sozialmarkt, zu dem ich mittlerweile regelmäßig gehe, freuen sie sich immer über neue Kunden, die mit ihnen gemeinsam Lebensmittel retten, egal aus welcher Motivation diese zu ihnen stoßen, da sie jeden Tag absurde Mengen an weggegebener Ware erhalten.

Diese Alternativen zu den Unverpacktläden entsprechen zwar nicht dem, was gemeinhin mit dem Zero Waste Gedanken assoziiert wird, da beim Food Sharing und in den Sozialmärkten durchaus Verpackungsmüll anfällt. Allerdings sollte die Zero Waste Bewegung meiner Meinung nach weiter gedacht werden: Es sollte ganz allgemein möglichst wenig verschwendet werden und da gehören wertvolle Lebensmittel ganz sicher dazu. Vor allem, wenn man bedenkt, wieviele Ressourcen notwendig sind, um diese herzustellen, sind sie ganz sicher viel zu schade für die Tonne."

 

Gibt es eine unverzichtbare „Grundausrüstung“, die ich brauche, wenn ich Zero Waste leben möchte?

 

"Ich würde dazu raten, sich eine ausreichend große Anzahl an wiederverwendbaren verschließbaren Behältern für die Aufbewahrung aller möglichen Dinge – von Müsli über Reis bis zu Waschsoda – und an wiederverwendbaren Sackerln zuzulegen. Dafür muss man auch keine Unsummen ausgeben, ich verwende z.B. leere Gurkengläser und Sackerl, die ich mal als Werbegeschenke erhalten habe. Beides kann man sich z.B. auch über Second Hand und Tausch-Plattformen wie Facebookgruppen zum Thema Zero Waste oder aber auch Gruppen wie „Wien verschenkt“ oder „Share & care“ zulegen.

Abgesehen von diesen Behältnissen zur Aufbewahrung und zum Transport, sollte man sich auch die Grundzutaten derjenigen Produkte zulegen, die man selber zuhause herstellen möchte anstatt sie zu kaufen, bzw. die für sich allein genommen eine Alternative zu industriellen Produkten darstellen (z.B. Tafelessig anstatt von Weichspüler, Klarspüler und Putzmittel).

Ich persönlich habe immer die folgenden Grundzutaten daheim: Tafel- und Apfelessig, Waschsoda, Speisesoda, Zitronensäure, Bienenwachs, Lameecreme, Aqua Kons, verschiedene ätherische Öle, Mazerate (Pflanzenauszüge) und Kräuter, Weingeist, Oliven- und Sonnenblumenöl und Natriumhydroxid. Letzteres ist allerdings nichts für Anfänger."

 

Welcher Art Hausmüll gab es bei dir früher am häufigsten und welcher Müll fällt bei dir heute noch an?

 

"Vor der Umstellung zu Zero Waste fielen vor allem Rest- und Biomüll an – weil ich schon immer viel frisches Obst und Gemüse gegessen habe, danach hauptsächlich Biomüll. Seit ich im Sozialmarkt einkaufe, um Lebensmittel zu retten, fällt wieder deutlich mehr Restmüll an als davor."

 

Wie man anhand deiner Beiträge auf „Mein Horizont“ sehen kann, stellst du ja auch viele Produkte wie Kosmetika und Arzneibedarf selbst her. Wie passen die beiden Themen „Zero Waste" und „Selbstversorgung“ zusammen? Bedeutet Selbstversorgung automatisch auch Müllreduktion?

 

"Normalerweise ja, weil man die Grundzutaten für die selbstgemachten Produkte im Idealfall lose oder aber ansonsten zumindest in größeren Verpackungseinheiten einkauft und dadurch Müll einspart.

Wenn man die Selbstversorgung außerdem nicht nur aus der Perspektive der Müllvermeidung betrachtet, sondern ganz allgemein unter dem Gesichtspunkt des Umweltschutzes, dann kann man dadurch ganz sicher einen wesentlichen Beitrag leisten, weil man eine viel größere Kontrolle über die verwendeten Zutaten hat und diese daher ganz gezielt nach den Prinzipien der Nachhaltigkeit auswählen kann."

 

Gibt es Produkte, auf die du komplett verzichtest, weil sie sich nicht mit deinen Nachhaltigkeitsvorstellungen vereinbaren lassen? Falls ja, fällt dir der Verzicht schwer?


"Wie vorhin schon erwähnt, verzichte ich auf gewisse Lebensmittel, was mir aber meist nicht sonderlich schwer fällt. 

Ansonsten fallen mir eigentlich auch keine anderen durch den Zero Waste Lebensstil verursachten schweren Verluste ein … vor allem da man dank Plattformen wie Willhaben oder auch Kleidertauschbörsen und Ähnlichem mittlerweile schon so ziemlich alles, was man sich wünscht, auch Second Hand besorgen kann.

Auf die meisten Produkte muss ich daher nicht komplett verzichten, sondern ich ersetze diese eher durch Alternativen, die sich mit meinem Lebensstil vereinbaren lassen."

 

Wie konsequent lässt sich der Zero Waste Lebensstil im Alltag umsetzen? „Sündigst“ du hin und wieder?

 

"Im normalen Alltagsleben relativ konsequent, wobei meiner Meinung nach wie schon erwähnt eine hundertprozentig perfekte Umsetzung eher unrealistisch ist.

Natürlich kommt es auch bei mir ab und zu mal vor, dass ich einen schwachen Moment habe und von den Zero Waste Prinzipien abweiche, wenn ich z.B. sehr spät von der Arbeit nach Hause komme, wohlwissend, dass mein Kühlschrank gähnend leer ist, und dann auf dem Nachhauseweg eine Nudelbox to go o.Ä. als Abendessen einkaufe. Früher war ich da strenger mit mir selber und bin manchmal lieber hungrig ins Bett als Verpackungsmüll zu produzieren, aber mittlerweile verzeihe ich mir für solche Ausnahmen und tröste mich mit der grundsätzlich sehr nachhaltigen Ausrichtung meines Lebens."

 

Was machst du, wenn du mal im Urlaub bist?

 

"Beim Urlaub ist die Problematik für mich eher der nachhaltige Transport – Stichwort Fliegen - als die Zero Waste Thematik. Das ist definitiv meine größte Umweltsünde, daher bin ich nun dabei, das Fliegen auf ein Minimum zu reduzieren, z.B. wenn es sich beruflich nicht vermeiden lässt.

Ansonsten ist im Urlaub meine wiederbefüllbare Wasserflasche immer dabei und mit dem Essen halte ich es so, wie wenn ich daheim außer Haus unterwegs bin."

 

Welcher Typ Mensch interessiert sich deinen Erfahrungen nach für Zero Waste? Sind das nur die, die von der breiten Masse als „Öko Hippies“ bezeichnet werden?

 

"Nein, bis zu einem gewissen Grad interessieren sich viele Menschen für Zero Waste, weil sie es allgemein für einen vernünftigen Ansatz halten und Themen wie Müllvermeidung und ganz allgemein Nachhaltigkeit ja mittlerweile in aller Munde sind. Nur die wenigsten würden das Thema so intensiv leben wie ich, aber viele haben Interesse daran, zumindest einige der Zero Waste Praktiken in ihren Alltag aufzunehmen."

 

Was waren die einprägsamsten Reaktionen von Menschen, denen du von deinem Lebensstil erzählt hast?

 

"Die meisten Menschen reagieren mit einer Mischung aus Neugier und einer gewissen Grundskepsis, wie und ob dieser Lebensstil denn eigentlich möglich wäre.

Die einprägsamsten Reaktionen waren wohl einerseits die meines Bruders, der wie zuvor erwähnt selbst damit begonnen hat, viele seiner Kosmetik- und Reinigungsprodukte eigenständig herzustellen.

Andererseits war es ein Bekannter von mir, der mir daraufhin seine Schwester vorgestellt hat, damit ich ihr bei ihrem Start in ein Zero Waste Leben behilflich bin. Diese war gerade von einer jahrelangen Reise mit dem Fahrrad zurückgekehrt und nachdem sie die Umweltzerstörung in vielen Teilen unserer Welt aus nächster Nähe gesehen hatte, wollte sie nicht mehr so weiterleben wie zuvor, sondern einen nachhaltigeren Lebensstil pflegen."

 

Stichwort Energie: Auf was muss ich achten, wenn ich einen nachhaltigen Stromanbieter wählen möchte?

 

"Hier möchte ich auf die Arbeit der Umweltorganisation Global 2000 verweisen, die Ende 2018 einen umfangreichen Stromanbietercheck durchgeführt haben. Die Informationen findet ihr auf https://www.global2000.at/publikationen/stromanbieter-check

Ich persönlich verwende AAE als Stromanbieter und bin damit sehr zufrieden, sowohl was die Nachhaltigkeit als auch was die Kosten und die bürokratische Abwicklung betrifft."

 

Du kannst ja leider noch nicht von deinen Zero Waste-Beiträgen leben und musst dich noch mit einem Job herumschlagen, der manchmal das Fliegen erfordert. Fällt dir das schwer? Gibt es Möglichkeiten, den ökologischen Fußabdruck zu kompensieren, der dadurch entsteht?

 

"Ja, das drückt mir schon auf das Gewissen, weil Fliegen so unglaublich schädlich für die Umwelt ist.

Man kann sich online ausrechnen lassen, welchen ökologischen Fußabdruck die im Flieger zurückgelegte Strecke verursacht und diesen dann durch Spenden an z.B. Wiederaufforstungsprojekte zumindest theoretisch kompensieren. Teilweise erhält man diese Möglichkeit auch schon direkt bei der Flugbuchung.

„Nachhaltiges Fliegen“ ist aber dennoch die reinste Augenauswischerei und natürlich ist es trotz aller Kompensationszahlungen besser, überhaupt auf das Fliegen zu verzichten und lieber auf nachhaltigere Verkehrsmittel umzusteigen."

 

Wo kann ich mich am besten über das Thema Zero Waste informieren? Hast du Lieblingsbücher oder nützliche Internetplattformen, auf denen ich mich mit anderen vernetzen kann? Gibt es Treffpunkte wie z.B. Cafés, wo ich mich mit Gleichgesinnten vor Ort austauschen kann?

 

"Ich persönlich habe mir die meisten Infos durch Internetrecherchen und von den Blogs gleichgesinnter Menschen geholt bzw. auch oft selber experimentiert, bis ich die für mich richtige Lösung gefunden hatte.

Es gibt aber natürlich auch Bücher zu dem Thema, zum Beispiel „Glücklich Leben ohne Müll“ vom „Zero Waste Guru“ Bea Johnson. Im Internet gibt es Webseiten wie Zero Waste Austria, oder auch einige Interessensgruppen auf Facebook:

Plastikfrei leben Tipps & Tricks: https://www.facebook.com/groups/plastikfreileben/  
Zero Waste, Plastikfrei & Natürlich leben (CareElite Connect): https://www.facebook.com/groups/careeliteconnect/
 

Zero Waste Austria organisiert übrigens auch alle zwei Monate einen Stammtisch, bei dem man sich austauschen kann, und auch immer wieder andere Informationsveranstaltungen zum Thema Nachhaltigkeit."

 

Danke Fiona für deine Zeit und deine wertvollen Tipps. Da hab ich ja ne Menge Arbeit vor mir, das alles umzusetzen ?!


"Bitte, gern geschehen. Ich wünsche dir viel Motivation und Freude bei der Umsetzung!"

Noch mehr wertvolle Beiträge von Fiona findet ihr hier:  https://www.meinhorizont.com/fiona

Fotobearbeitung: https://www.meinhorizont.com/foxy

Autor

Ich habe meine Ernährung umgestellt. Die Kekse stehen jetzt links vom Laptop. - Träumer, Visionär + Wildkräuterlehrling in Ausbildung.

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